P4 Praktische Arbeit — 180 Minuten mit einem zugelosten Patienten
Die P4 Praktische Arbeit ist der praktisch-mündliche Prüfungsteil der HFP Naturheilpraktiker. In maximal 180 Minuten führst du eine Erstanamnese und Behandlung eines realen, dir zugelosten Patienten durch — von der ersten Begrüssung bis zur Therapie-Empfehlung und der Fachpräsentation vor den Experten. Alle Hilfsmittel, einschliesslich Internet, sind erlaubt (Wegleitung §5.5).
1. Format und Hauptfokus
P4 prüft das «alltägliche, praxisrelevante und fachrichtungsspezifische Handeln und Denken». Im Hauptfokus stehen die Kompetenzen A (Alternativmedizinisch handeln) und B (Therapierelevante Beziehungen gestalten), sowie evtl. E (Professionelles Verhalten) und F (Vernetzung). Quelle: Wegleitung §5.5.
- Dauer: max. 180 Minuten (Wegleitung §5.5, «Dauer»)
- Patient: ein realer, neuer Patient — also jemand, den du noch nie gesehen hast
- Aufbau: 3 aufeinanderfolgende Teile
- Hilfsmittel: alle erlaubt, auch elektronische. WLAN durch OdA AM bereitgestellt.
- Materialbox: max. RAKO-Kiste / Utz-Box 60 × 40 × 50 cm
- Bewertung: durch 2 Experten der QSK, «bestanden» oder «nicht bestanden»
Quelle: Wegleitung HFP §5.5 (Stand 15.10.2021).
2. Wie der Patient zugeteilt wird
Jeder Kandidat «stellt» bei der Anmeldung zur HFP einen Patienten zur Verfügung — anzugeben mit dem Anmeldedossier. Die OdA AM verlost dann diese Patienten unter den Kandidaten. Das bedeutet:
- Du kennst deinen Prüfungspatienten nicht im Voraus.
- Der Patient, den du präsentiert hast, wird einem anderen Kandidaten zugeteilt.
- Dies ist eine Erstanamnese für dich — du musst die Patientensituation in Echtzeit erfassen.
3. Die 3 Teile von P4 im Detail
Anamnese und Befunderhebung — mit Patient
Inhaltliche Aspekte (Wegleitung §5.5):
- Vorbereitung, Aktenstudium, Begrüssung, Gesprächseröffnung.
- Durchführung der Befunderhebung gemäss fachspezifischer Diagnostik und einer klinischen Untersuchung.
- Klärung der aktuellen medizinischen Betreuungssituation (weitere Abklärungen, Weiterweisung, Behandlung).
- Anamnesegespräch gleichzeitig durchführen und dokumentieren.
Analyse, Auswertung, Therapiebeginn — ohne Patient
Nun ohne den Patienten, du wertest die Informationen aus:
- Analyse der vorhandenen Informationen auf Basis deines fachrichtungsspezifischen Verständnisses.
- Entscheidung, welches therapeutische Vorgehen angebracht ist.
- Überlegungen zur Therapiegestaltung werden in einem fachrichtungsüblichen Dokumentationsraster festgehalten.
- Definition der Therapieziele mit dem Patienten.
- Orientierung des Patienten über die vorgesehenen Behandlungsschritte und -abläufe.
- Je nach Fachrichtung: eine erste Behandlung ODER eine entsprechende therapeutische Medikation wird erarbeitet.
- Beratung des Patienten zu sinnvollen begleitenden Massnahmen und Lebensführung.
Präsentation der Analyse und Fachgespräch — vor den Experten
Der Abschluss mit den Experten:
- Du präsentierst deine Einschätzungen und Problemlösungsstrategien zum Fall.
- Selbstevaluation: du schätzt deine eigene Anamnese, Befundungstätigkeit und das therapeutische Vorgehen ein (Stärken, Schwächen, was hättest du anders machen können).
- Die Experten stellen Fragen zu ihren Beobachtungen, dem Vorgetragenen und deinen Einschätzungen.
4. Bewertungsaspekte — was die Experten messen
Die Bewertung erfolgt kriterienorientiert unter folgenden Aspekten (Wegleitung §5.5):
Anamnese und Befundungskompetenz
- Organisieren und Leiten der Anamnese
- Ermitteln relevanter Informationen
- Patientenbeziehung, Kommunikation
- Therapeutische Haltung
- Beachtung von Individualität und Ganzheitlichkeit mit Einbezug der Patienten
- Diagnostik und Untersuchungstechniken
Therapie
- Erste Therapiesitzung mit Anwendung der Methode(n)
- Information der Patienten über die Therapie und zur Falleinschätzung
- Beratungsgespräch und Stärkung der Gesundheitskompetenz
Analyse und Auswertung
- Analyse der vorliegenden, bzw. erhobenen Informationen
- Berücksichtigung der fachrichtungsspezifischen Prinzipien
- Planung der Therapieziele, Therapieschritte und des weiteren Vorgehens
- Dokumentation
Selbstevaluation
- Selbstreflexion der Arbeitsprozesse und Interaktionen
5. Hilfsmittel — was du mitbringen darfst
Erlaubt (Wegleitung §5.5, «Material/Hilfsmittel»):
- ✅ Alle Hilfsmittel, auch elektronische (Laptop, Tablet, Smartphone)
- ✅ Internet-Zugang: die OdA AM stellt einen drahtlosen WLAN-Zugang zur Verfügung
- ✅ Fachbücher, Karteien, Apps, KI-Tools (für Recherche)
- ✅ Anamneseraster, Befundungsformulare
- ✅ Therapeutische Materialien deiner Fachrichtung (Pulsdiagnostik-Tools, Akupunkturnadeln, Ayurveda-Materialien, phytotherapeutische Mittel, etc.)
Einschränkung des Volumens:
- Du bringst deine Hilfsmittel selbst mit, in einer RAKO-Kiste / Utz-Box von max. 60 × 40 × 50 cm.
6. Sprache
Anders als P2 darf in P4 die Sprache dem Patienten angepasst werden (Wegleitung §5.2). Wenn dein Patient nur Schweizerdeutsch spricht, kommunizierst du mit ihm im Dialekt — das ist sogar gefordert für eine empathische Patientenbeziehung. Mit den Experten in Teil 3 (Präsentation/Fachgespräch) sollte aber auch hier Hochdeutsch verwendet werden.
7. Was du im Vorfeld vorbereiten solltest
1. Anamneseraster offline auf Papier UND digital
Du kannst nicht improvisieren — eine strukturierte Erstanamnese braucht ein Raster. Übe das bei allen deinen aktuellen Praxispatienten, bis es automatisch sitzt: Vorgeschichte, Hauptbeschwerden, Verlauf, Begleitsymptome, Lebensführung, Medikation, Allergien, soziale Situation, psychisches Befinden, Erwartungen an die Therapie.
2. Differentialdiagnose-Bäume für die häufigsten Symptome
Hauptsymptome wie Schmerzen (Kopf, Rücken, Bauch), Müdigkeit, Schlafstörungen, Verdauungsprobleme, Hauterkrankungen, gynäkologische Beschwerden: für jedes brauchst du einen Entscheidungsbaum, der dir hilft, schnell die richtigen Untersuchungen und Hypothesen zu generieren.
3. Red-Flag-Listen pro Symptom
Wann delegierst du? Die Patientensicherheit ist König. Du musst innerhalb der 180 Minuten erkennen können, ob ein Symptom auf etwas Ernsteres hindeutet (z.B. Donnerschlag-Kopfschmerz → Subarachnoidalblutung, Brustschmerz mit Ausstrahlung → Herzinfarkt, etc.). Wenn du delegierst (zum Hausarzt oder Notdienst), notierst du das klar in deiner Therapieplanung.
4. Therapieplan-Templates für deine Fachrichtung
Bereite Vorlagen vor, in die du nur noch die patientenspezifischen Daten eintragen musst: Therapieziele (kurzfristig + langfristig), Frequenz der Sitzungen, begleitende Massnahmen, Lebensstil-Empfehlungen.
5. Mock-Praktika mit unbekannten Patienten
Frage in deinem Netzwerk nach «Übungspatienten», die du noch nie gesehen hast. Lass eine Studienkollegin die Rolle des Patienten spielen mit einem von dir nicht gekannten Case. Übe 5-10 Mal die volle 180-Min-Sequenz vor der echten Prüfung.
8. Materialcheckliste P4
Pack deine RAKO-Kiste (60×40×50 cm) strategisch. Mindestmaterial:
- Laptop + Ladekabel + Maus + Powerbank
- 2 Stifte (1 Reserve), Bleistift, Marker, Korrekturmittel
- Anamneseraster auf Papier (Plan B falls Laptop versagt)
- Stethoskop, Blutdruckmanschette, Reflexhammer, Otoskop (falls relevant)
- Fachspezifische Materialien (Akupunkturnadeln, Ayurveda-Öle, Phyto-Referenzen, etc.)
- Patientenwaage (wenn passend), Maßband
- Wasserflasche, kleiner Snack (drei Stunden sind lang)
- Uhr (oder verlässliches Zeitmanagement-Tool)
- Notfallset für dich: Beruhigungstee, ätherische Öle, etc.
9. Die 7 häufigsten Fehler bei P4
- Zu viel Zeit in Teil 1 verlieren: Erstanamnese ist wichtig, aber du brauchst auch Zeit für Analyse, Therapie und Präsentation. Plane max. 60-75 Min für Teil 1.
- Internet zur ersten Reaktion machen: glaubwürdig wirkst du, wenn du erst eigenständig denkst und Internet als gezielte Recherche-Quelle benutzt.
- Keine klinische Untersuchung: vergiss nicht die klinische Untersuchung — die Wegleitung verlangt sie explizit (§5.5 Teil 1).
- Red Flags nicht aktiv abfragen: bei jedem Hauptsymptom musst du gezielt nach Warnzeichen fragen. Wenn du sie nicht abfragst, kannst du nicht sicher sein, dass der Patient «für dich» behandelbar ist.
- Therapieziele zu vage: «Beschwerden lindern» reicht nicht. Konkret: «Schmerzintensität von 7/10 auf 3/10 innerhalb von 6 Wochen reduzieren, Schlafqualität von 4h auf 6h verbessern».
- Selbstevaluation zu defensiv: die Experten erwarten ehrliche Selbstkritik. «Im Nachhinein hätte ich die Familienanamnese gründlicher erfasst, weil ...» wirkt besser als «Ich war zufrieden mit meinem Vorgehen».
- Materialbox überlastet: du kannst nicht alles mitnehmen. Wenn du 60×40×50 cm überschreitest, riskierst du Probleme beim Setup.
10. Was bei Nicht-Bestehen?
Wenn das P4 mit «nicht bestanden» bewertet wird, darfst du den Prüfungsteil zweimal wiederholen (Prüfungsordnung Art. 6.51). Nur P4 muss wiederholt werden — P1 und P2 (sofern bestanden) bleiben gültig. Bei der Wiederholung erhältst du in der Regel eine Reduktion der Prüfungsgebühr von CHF 900 für jeden befreiten oder bereits bestandenen Prüfungsteil (Ausschreibung Session April 2026).
11. Deine Vorbereitungs-Checkliste P4
Diese Checkliste umfasst Wissen, Material und Mock-Training. Hake ab, was du erledigt hast — der Stand wird lokal auf deinem Gerät gespeichert.
Wissen & Methodik
Material (RAKO-Box max. 60×40×50 cm)
Mock-Training
Ohne solides M1 keine erfolgreiche P4
Die klinische Untersuchung, Red-Flag-Erkennung und Differentialdiagnostik werden in P4 vorausgesetzt. HFP Coach gibt dir 1'225 Karteikarten + 20 OSKE-Stationen, um diese Skills automatisch abrufbar zu machen.
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